Meine Antwort auf die Frage aller Fragen …

Vor wenigen Tagen war mein Geburtstag. Wieder ein Jahr älter. Auch ein Jahr reifer? Weiser?

Da gibt es auch noch einen anderen Jahrestag: Jener Crash im Mai 2013, der mein 2. Burnout manifestierte. Keine berauschende Erinnerung. Jener Crash, der auch zum entscheidenden Wendepunkt in meinem Leben wurde und mich jene Richtung einschlagen ließ, die mich letztendlich dorthin brachte, wo ich heute bin. Eine beruhigende Erinnerung.

Vielleicht ist der Zeitpunkt gekommen, eine Conclusio zu verfassen, wie all das gelingen konnte. Meine Antwort auf die Frage aller Fragen, nach dem Leben, der Liebe, Beziehungen, mit mir selbst und allem rund um mich gut zurecht zu kommen.

Wollen wir beginnen …

„Doch wohl nicht ohne uns?“ drängt sich eine Stimme in meinen Kopf, dich ich sofort wieder auf Mute schalte. Nein, Philosopherl, dich will ich da nicht involvieren, weil …

„Weil? Warum darf ich nicht endlich auch ins Rampenlicht? Wie lange willst du mich noch verstecken?“

Komm schon, Philosopherl, du weißt ganz genau, warum ich dich nicht öffentlich machen kann. Lasse ich dich ans Licht der Öffentlichkeit, kommen die anderen beiden automatisch mit. Dich gibt’s halt nur im …

„… Triple? Das stimmt. So hast du uns erschaffen.“

Ja, das war vor langer Zeit. 2012. Mein erster Blog. Philosopherl, die über alles und jeden philosophiert und diese Welt auf eine ganz besondere Weise sieht. Eine sehr angenehme Person.

„Danke schön.“

Aber da gibt es auch noch die beiden anderen. Burnie Ash, seines Zeichens zynisches Management-Fossil und …

„Moment mal. Du nennst mich Fossil? Wie charmant ist das denn, liebe Lesley? Wenn ich mich richtig entsinne, kannst du es auch ganz gut mit dem Zynismus.“

Burnie’s Stimme weckt alte Erinnerungen und soll nicht die einzige Mahnerin bleiben.

„Du hast uns erschaffen. Nennst du Burnie ein Fossil, was bist du dann?“ Der leicht süffisante Unterton von Jester, dem Hofnarren und Meister der Reflexion, erübrigt jegliche Antwort. … ein Dinosaurier?

„Bringen wir es auf den Punkt. Du hast deinen Leser*innen bereits eine sechsköpfige Quadriga zugemutet, in dessen Gespann – wenn man Band 2 von JAN/A bedenkt – sich noch weitere Köpfe verbergen. Was also hält dich davon ab, die dreiköpfige Mitdenker-WG in dein weiteres Wirken einzubinden?“

Weil …

„Weil?“

Weil man mich möglicherweise für verrückt erklärt. Oder für verantwortungslos, über ein so ernstes Thema wie „Leben mit Borderline“ mit einem fast schon Sitcom-reifen Trio zu diskutieren.

„Glaubst du nicht, DER Zug ist schon längst abgefahren?“

Eines schönen Tages reiße ich Burnie Ash seinen Kopf ab. Aber er hat Recht. Meinen Ruf habe ich längst schon in Stein gemeißelt. Warum nicht also ein paar Namen dazusetzen.

Ich bin weder verrückt noch schizophren oder eine multiple Persönlichkeit. Vielmehr spiele ich zeitweise eine Art PPRPG (Paper and Pen Role Playing Game) mit mir selbst. Meine mitunter sehr widersprüchlichen Persönlichkeitsanteile (sie ALLE gehören zu mir als Ganzes) verkörpern dabei ihre jeweilige, sehr ausdifferenzierte Rolle und interagieren miteinander mit dem Auftrag, mich gut durch die Herausforderungen meines Lebens zu bringen. Psychologen und Psychotherapeuten mögen dabei die Haare zu Berge stehen (oder auch nicht), doch für mich ist diese lebensnahe Darstellung dessen, wie ich mich selbst in Balance halte, allemal aufbauender als abstrakte Theoriemodelle. Und ich klammere mich an das Postulat: Der Erfolg gibt mir Recht!

Lesley (also ICH) setzt sich also zusammen aus verschiedenen Facetten. Da wäre Jan, feurig-romantisch, aber auch bestimmend und voller Selbstzweifel, in deren düsteren Emotionen er schon mal feststecken kann. Dann braucht es Jana, die zwar tendenziell chaotisch-instabil durchs Leben läuft, doch auch mit jener Leichtigkeit, die Blockaden im Handumdrehen aufzulösen vermag, um sich wieder dem feurig-romantischen Aspekt zu widmen. Ja, das macht definitiv mehr Spaß, als sich aufgrund von temporären Abstürzen in vergangene Verhaltensmuster selbst zu zerfleischen. Sethos, Yanara, Aquila, Amaranthia, Philosopherl, Burnie Ash, The Jester … jede dieser Rollen ist vielschichtig, tiefgründig, widersprüchlich, belastet mit einem schmerzvollen Aspekt und gestärkt mit einer ganz besonderen Gabe. Keine dieser Rolle kann sich selbst ausbalancieren. Die Balance entsteht durch die Interaktion. Damit bleibt gewährleistet, dass ich nie wieder einen Teil (oder eine Rolle) von mir selbst „verliere“ oder ausgrenze, was in meiner Borderline-Vergangenheit viel zu oft geschehen ist. Im JAN/A-Jargon gesprochen: Ich halte alle Teile von mir im Licht. Ein kleiner Crash oder Trigger kann einen einzelnen Teil in die Dunkelheit stürzen lassen, doch die anderen holen diesen Teil wieder zurück.

Während ich meine „Methode“ hier skizziere, fasziniert mich, wie das alles zusammenspielt. Als wäre es von Anfang an so geplant gewesen. Dabei war gar nichts davon geplant. Es ist mir schlichtweg passiert. Doch es funktioniert. Und es bestätigt meine Grundannahme (die sich ein wenig an Albert Einstein und seine Aussage über Probleme anlehnt 😉 ): Die Borderline-Thematik entsteht in uns und kann auch dort gelöst werden, durch uns selbst. Gewiss, nicht jeder Borderliner wird sein intrapersonelles PPRPG spielen, sondern seine eigene Lösung finden – wenn danach gesucht wird.

Womit wir an dem Punkt angekommen sind: Wie kam ich zu meiner Lösung? Oder zu meiner Antwort auf die Frage aller Fragen?

Unser Umfeld ist eine Projektion dessen, was in uns ist. Eine Art von Spiegel. Lehne ich mich selbst ab, erlebe ich Ablehnung rund um mich. Genauso, wie wir im Sprachenwirrwarr auf einem Flughafen nur jene Worte verstehen (und auch vorrangig wahrnehmen), deren Sprache wir mächtig sind, können rund um uns nur erkennen, was wir in uns haben. Das ist erschreckend – und zugleich eine Riesenchance, denn diese Hinweise – so unangenehm sie mitunter sein mögen – zeigen unsere „blinden Flecke“ auf.

Deshalb meine Antwort auf die Frage aller Fragen: DU bist der Schlüssel. Bist DU mit deinem Leben und dir selbst unzufrieden, blicke nach innen, finde in dir die Ursachen und verändere sie – und die Welt rundum wird folgen. Die Welt rundum hat dich in der Vergangenheit geprägt, doch deine Gegenwart und Zukunft bestimmst du – oder auch nicht, wenn du das Ruder an die anderen abgibst. Denn nichts zu tun ist ebenso eine Entscheidung, wie etwas zu tun.

Einfach gesagt: Willst du dein Leben auf die Reihe kriegen, fang an in dir aufzuräumen. … und das klingt eindeutig nach Burnie Ash 😉, den ich gleich mal wieder mit Rationalität einbremse.

Meine Schritte der Veränderung fasse ich hier kurz zusammen. Sie haben sich zwar nicht in dieser Reihenfolge zugetragen, sondern waren eher eine Art von undefiniertem Tango (vor, zurück, zur Seite, zurück, vor, und nochmal …), aber nachdem bei mir alles experimentell ablief, nehme ich das mit Humor. Der ideale Ablauf aus meiner Sicht wäre folgender:

Schritt 1: Analyse des Vorhandenen

Sich selbst durchleuchten und kennenlernen. Dies tat ich mit „DIS/CONNECTED – Lieben oder Leiden? Eine Lebensgeschichte #Borderline“. All das, was ich im Laufe unzähliger Gespräche, Therapiesitzungen, Selbsterfahrungen, Seminare usw. erkannt hatte, brachte ich in Bezug zueinander. Daraus entstand eine Art von „Schaltplan“ mit komplexen Verhaltensmustern. Einfach gesagt: Ich begriff, wie ich funktioniere, welche Bedürfnisse da sind und wie die (scheinbaren) Widersprüchlichkeiten zueinander in Beziehung stehen.

Schritt 2: Umprogrammierung des Unbewussten

Oder auch Reframing bzw. Umdeutung. Diese Entwicklungsschritte absolvierten meine Protagonisten aus JAN/A für mich. Zuvor nannte ich mein Borderline „Destructivus“ und sah nur das zerstörerische Potenzial. Doch mein geliebter Dämon, der freiwillig in die Dunkelheit ging, um seine Eine vor diesem Schicksal zu bewahren, veränderte das nachhaltig. Wie könnte ich dem zürnen, der alles dafür tat, damit ich im Licht der Liebe verweilen konnte, der all den Schmerz der traumatischen Erlebnisse meiner Kindheit auf sich nahm, damit ich überleben konnte. In der schier grenzenlosen Emotionalität, deren leidvolle Facette ich zur Genüge kannte, entdeckte ich die andere, die lebensbejahende Emotionalität für mich und wie ich in ihr verweilen konnte. Die Aussöhnung mit meinem inneren Kind und mit mir selbst, all das schrieb ich in bislang gut 1.300 Seiten nieder in Worten, die mich genau das fühlen ließen, was ich erzählte. Es war mehr als eine Veränderung des Denkens, es war eine Veränderung des Fühlens.

Schritt 3: Verankerung in der Realität

Nachdem ich mein inneres Kind in die Arme geschlossen und ihm all die Geborgenheit, Liebe und Anerkennung vermittelt hatte, die solange gefehlt hatten, kehrten Ruhe und Gelassenheit ein. In diesem Zustand verweilend, schrieb ich die Geschichten von EMBRACE, meinem persönlichen Nachschlagewerk für die „Umarmung des Lebens“. Sollte ich je wieder zweifeln, wer ich bin und was in mir ist, werden diese Geschichte zu Sonnenstrahlen, welche die Nebel (oder Zweifel) über dem dunklen See (meines Unterbewusstseins) auflösen und mich fühlen lassen, wer ich bin.

Schritt 4: Der Schritt hinaus in die Welt

… als die, die ich bin. Keine Lügen oder Masken, zumindest nicht als Lesley. Mein Job erfordert nach wie vor eine Rolle, die mich stark einschränkt und mir phasenweise wie ein zu enges Korsett das Atmen erschwert. Ein Kompromiss, den ich freiwillig eingehe, auch wenn er mich belastet. Umso wichtiger ist für mich der Ausgleich in meinem (kleinen) Universum, meiner Bubble als Lesley, in der ich uneingeschränkt sein kann, wer ich bin. Und auch mein persönliches PPRPG spiele, indem ich in verschiedensten Rollen reflektiere und schreibe.

So, das war’s. Alles erzählt. Irgendwie habe ich den Eindruck, einen Ratgeber verfasst zu haben. Habe ich nicht vor kurzem erst klargelegt, niemals einen Ratgeber schreiben zu wollen?

„Sag niemals nie.“ *grins*

Oh nein, Jester, du musst natürlich gleich wieder deinen Senf dazugeben.

„Wenn du schon so eine Stichwort-Vorlage lieferst, wie könnte ich da widerstehen?“

„Wer will schon widerstehen, wenn man Spaß haben kann?“

Uff, DIESE Stimme. Dunkel, sinnlich, … Jan, stell keinen Unfug in meinem Kopf an. Ich schreibe an einem ernsthaften Blog zu einem ernsthaften Thema.

„Wer’s glaubt …“

Burnie? Oder doch Jana? Ach, egal. Sagen wir einfach: Lesley

Manchmal fällt es mir nicht leicht, die Stimmen und Rollen auseinander zu halten. Aber will ich das überhaupt? Will ich klar definierte Grenzen in mir selbst? Oder will ich einfach nur … Spaß haben mit mir selbst? Und einer sechsköpfigen Quadriga plus dreiköpfige Mitdenker-WG plus …

„Sei stark, du schaffst das, Lesley … be strong 😉“

Apropos Widersprüche …

Ich mag Menschen, aber mitunter halte ich sie einfach nicht aus.

Ich sehne mich nach Ruhe, und kann kaum eine Minute stillhalten.

Ich bin überzeugt von meinen Fähigkeiten, und strebe doch stets nach Anerkennung von außen.

Ich will unerkannt bleiben, und gleichzeitig im Rampenlicht stehen.

Mein Kleiderschrank ist voll, und doch finde ich häufig morgens nichts darin, was zu meiner Stimmung passt.

Meine Stimmung kann von Tag zu Tag schwanken, oder innerhalb einer Stunde, manchmal auch innerhalb von Minuten.

Ich bin ein wandelnder Widerspruch, und das meldet mir „Mein bester Ehemann von allen“ auch bei passender Gelegenheit (also häufig) rück. Paradoxerweise macht mich derartige Unruhe oder Widersprüchlichkeit bei anderen „unrund“. Weil sie mir spiegelt, was ich an mir selbst als „schwer auszuhalten“ einstufe?

Früher schob ich die Verantwortung für Stress in zwischenmenschlichen Beziehungen gerne ab und damit den anderen in deren Schuhe. Aber ehrlicherweise gebe ich heute zu, dass es definitiv eine Herausforderung ist, es mit einem wandelnden Widerspruch zu tun zu haben. Umso bin ich froh und dankbar, dass es in meinem Leben Menschen gibt, die genau das können. Das hilft mir, besonders jene Phasen zu überstehen, in denen meine Widersprüchlichkeit intensiv zu Tage tritt. Glücklicherweise werden diese Phasen seit einigen Jahren kürzer und seltener. Das mag auch daran liegen, dass ich meine Widersprüchlichkeit bewusst auslebe durch meine sehr unterschiedlichen Rollen im Berufsleben und als Autorin.

Das bringt mich auch an den ursprünglichen Gedanken zu diesem Blog.

Während ich im Berufsleben eher rational und pragmatisch unterwegs bin, Emotionen eher kämpferischer als romantischer Natur sind, lebe ich als Autorin die Gefühlswelt einer Träumerin, berührbar und verwundbar. Vor wenigen Tagen hat mich daher das Feedback von langjährigen Arbeitskolleginnen nach einer Lesung aus EMBRACE erstaunt. Während ich mich durch EMBRACE in der Umarmung des Lebens wiederfinde, also in einem durch und durch positiven Lebensgefühl, verspürten besagte Kolleginnen Bedrücken und Traurigkeit, weil sie intuitiv zu ahnen und zu verstehen begannen, an welchem Punkt ich einst aufgebrochen war, welch belastende Emotionen am Beginn meiner Reise standen. Sie erleben Tag für Tag, wie stark ich sein kann, wie fokussiert und zielstrebig auf die Zukunft ausgerichtet. Und an diesem Abend offenbarte ich eine Seite von mir, die dazu im krassen Widerspruch stand und steht: nicht kämpfend, sondern im Augenblick verweilend. Nicht jene zu sein, die bestimmt, sondern die, die sich in den Strom des Lebens fügt.

Meine Vergangenheit, und was mir wiederfahren ist, machte meine Kolleginnen traurig.

Meine Vergangenheit, und was mir wiederfahren ist, macht mich zu der, die ich heute bin. Sie macht mich weder traurig noch glücklich. Sie ist wie ein weitentferntes Gebilde, das sich im Horizont verliert, da – und doch längst nur mehr ein schemenhafter Schatten.

Vielleicht ist auch das nur ein weiterer Widerspruch in mir. Jene Ereignisse, die mich aus der Umarmung des Lebens hinein in das Chaos Borderline-Syndrom stießen, brachten letztendlich die in mir zum Vorschein, die in dieser Welt so viel mehr sieht als nur das Offensichtliche. Hätte ich ohne sie je begonnen, hinter den Spiegel zu blicken? Würde ich heute über diese Fragen nachdenken?

Vielleicht besteht die größte Herausforderung im Leben darin, die eigenen Widersprüche zu vereinen?

Vielleicht verwandeln sich mit der Zeit all die Widersprüche zu einem größeren Gesamtbild, geben ihre Harmonie erst Preis, wenn wir mit ausreichendem Abstand darauf blicken?

Vielleicht erkennen wir auch irgendwann, dass es nur einen einzigen Widerspruch gibt: Zu glauben, etwas in diesem Universum wäre nicht im Sinne des Gesamtbildes genau so, wie es sein soll.

Meine Tricks im Alltag: Nr. 3 – Wer fährt den Bus?

Wer sich mit NLP befasst, wird früher oder später auf die Metapher vom Bus treffen. Darin geht es um unsere unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile, aus denen sich die Gesamtheit eines Menschen zusammensetzt. Wir alle haben mehr oder weniger ausgeprägt kontrollierende, kreative, hilfsbereite, aggressive, neugierige, zur Faulheit neigende oder eifrig wirkende Anteile in uns. Und noch viele andere mehr. Jeder von uns ist eine Ansammlung von vielem. In der besagten Metapher geht es darum sich vorzustellen, alle diese Anteile wären jeweils einzelne Personen, die gemeinsam in einem Bus sitzen, der auf der Landstraße des Lebens – unseres Lebens – fährt. Die Gretchen-Frage dabei ist:

Wer fährt den Bus?

Wer den Bus fährt, bestimmt Richtung und Tempo. Der Faulenzer in uns wird anders steuern als der Partytiger. Die Theorie dahinter ist einleuchtend. In Bezug auf Borderline lehrte sich mich so einiges über mich selbst.

Wechseln wir von der Theorie zu einem praktischen Beispiel.

„Ich brauche deine Hilfe und du bist die Einzige, die mir helfen kann.“

Diesen Satz habe ich oft in meinem Leben gehört. Bezieht er sich beispielsweise auf eine Formelproblem in Excel – easy to handle. Oder geht’s um ein Kochrezept – ein Klacks. Schwieriger wird es, wenn’s um zwischenmenschliches geht. Der Grad an Nähe dieser zwischenmenschlichen Beziehung fungiert wie ein Multiplikator. Das hängt damit zusammen, dass ich als kleines Kind in einer traumatisierenden Situation genau diesen Satz von einer sehr nahestehenden Person gehört habe und in jeder Weise völlig überfordert war.

Dieser Satz ist für mich ein Trigger.

Mehr als das.

In Kombination mit dem beschriebenen Näheverhältnis lässt dieser Satz sofort mein „Helferlein“ von den hinteren Reihen des Busses aufspringen und Richtung Steuer laufen. Mein „Ich bin toll-Ego“ sprintet unmittelbar hinterher, denn mal ehrlich: Niemand außer mir kann helfen? Welch eine Gelegenheit für Bestätigung des Selbstwertes! Dafür nehme ich schon mal den Druck und die Belastung, die eine derartige Alleinstellung unweigerlich bedeutet, in Kauf. Und ja, am Rockzipfel meines Egos hängt der „Zweifler“, der auch gerne am Nektar der Anerkennung mitnaschen möchte.

Während diese 2 ½ also ums Steuern streiten, tritt mein „inneres Kind“ auf den Plan. Jenes Kind, das vor sehr langer Zeit traumatisiert wurde und seither mit allerlei extremen Emotionen auf einen Trigger dieser Art reagiert – mitunter wie ein feuriger Vulkanausbruch. Um diese Gefahr einzudämmen, schaltet sich auch meine „Wächterin“ ein, die ich im Laufe vieler Jahre kultiviert habe und die mich vor genau der eben beginnenden Überlastung durch Druck bewahren soll.

Und dann gibt es noch die „Loyale“ in mir, die keinesfalls einen nahestehenden Menschen im Stich lassen möchte, und bereit ist, alles zu geben – koste es, was es wolle. Selbst wenn’s das eigene Wohl ist. Wobei da kommt dann auch die „Altruistische“ ins Spiel.

Mittlerweile rauft sich ein kleines Grüppchen um das Steuer, was dazu führt, das meine „Pragmatische“ nüchtern zur Ordnung ruft und verlangt, doch endlich wieder den Verstand einzuschalten. Aber meinen „grenzenlose Emotionale“ hält dagegen.

Und die Fahrt geht weiter!

Wo sie enden wird, kann sich jeder mit ein wenig Fantasie vorstellen. Wenn so viele versuchen, gleichzeitig das Steuer zu übernehmen, ist der Crash de facto vorprogrammiert.

Dieses Chaos hat mich jahrelang bestimmt. Damals hatte ich nicht die geringste Ahnung, was in mir passiert. Ich erlebte nur die verheerenden Auswirkungen. Hilflos ausgeliefert meiner eigenen „Widersprüchlichkeit“ – oder meiner Vielfalt. Damals identifizierte ich mich mit dem jeweils am Steuer sitzenden Anteil. Dass all diese Anteile zusammen mein ICH ergeben, lernte ich später zu verstehen, sehr viel später erst zu fühlen und zu leben.

Auch heute kann es hin und wieder vorkommen, dass meine Anteile ums Steuer rangeln und mein ICH kurzzeitig auf die hinteren Plätze verdrängen. Der wesentliche Unterschied zu früher ist: ICH weiß heute, was mit mir los ist und dass ich das Steuer wieder übernehmen kann.

Borderline fühlte sich für mich lange Zeit wie eine emotionale Achterbahnfahrt oder eben eine ungesteuerte Busfahrt an. „Etwas“ schaukelte mich unkontrolliert durch mein Leben auf eine Art und Weise, die kaum jemand nachvollziehen oder verstehen konnte – inklusive mir selbst.

Das Wissen um die Zusammenhänge verändert nicht direkt meine Persönlichkeitsanteile oder löst alte Traumata auf, doch es erleichtert den Umgang mit ihnen und hilft, mich selbst in Balance zu halten. Vor allem aber erinnert es mich daran, am Steuer des Busses zu bleiben. Denn darum geht aus meiner Sicht: Mit den vorhandenen Ressourcen und Potenzialen gut durchs Leben zu kommen.

Aufarbeiten der Vergangenheit: Wichtig, um zu verstehen, wie man wurde, wer man ist.

Auflösen von Blockaden und Traumata: Essenziell, um sich aus Verstrickungen zu befreien und manche Trigger zu entschärfen.

Selbstreflexion und Achtsamkeit: Tägliche Routine, um auf Kurs zu bleiben. Deshalb richte ich täglich die Frage an mich selbst:

Wer fährt gerade den Bus?

#FeelTheEmbraceOfLife

Das überaus passende Bild stammt von pixabay.com. Vor einigen Jahren, bevor mir das heute erzählte bewusstwurde, schrieb ich unter dem Pseudonym „philosopherl“. Mein damaliges Logo zierte ein grüner Frosch mit orangefarbenen Augen. Das Leben (oder mein Bus) schlägt manchmal wundersame Wege ein.

UNDER PRESSURE

… ist einer der Songs von Queen, die ich besonders mag. Vielleicht, weil ich häufig genug und immer wieder in meinem Leben unter enormem (emotionalen) Druck stehe. Weniger oft als mir lieb ist, entsteht dieser Druck im Außen. Vielfach erzeuge ich ihn selbst – in mir – unnötigerweise.

Ich will das nicht mit abstrakten Theorien erläutern. Ein Beispiel aus meinem Schaffen als Autorin veranschaulicht die Dynamik:

2017 begann ich meine Laufbahn als Schriftstellerin und schuf damit einen Bereich in meinem Leben, in dem ich uneingeschränkt ICH sein darf, meine Hyper-Emotionalität ausleben kann und so weiter und so fort. Wunderbar.

Aber alles im Leben hat zwei Seiten, so auch dieser Bereich. Ich bin nämlich ein leistungs- und erfolgsorientierter Mensch. Im Grunde nichts Schlechtes, ABER – und hier schon wieder ein großes ABER – daraus entsteht natürlich auch eine gewisse Erwartungshaltung oder anders gesagt: Erfolg braucht ein Messkriterium. Bei einer Autorin liegt es nahe, dafür die Verkaufszahlen anzuwenden. Um die im Selfpublishing zu erreichen, ist ein intensiver Marketingeinsatz (der Autorin) erforderlich. Marketing ist eine gänzlich andere Tätigkeit als kreatives Schreiben und deckt daher nicht jenen Bedarf, der ursprünglich diesen Bereich erschuf.

Bringen wir es auf den Punkt: Autorin versus Verkäuferin

Während der kreative Prozess mir nach wie vor Freude bereitet und mich stabilisiert, erzeugt die nüchterne Betrachtung der Kennzahlen immer wieder innerlich Druck, mehr und schneller zu erreichen. Ist dieses Gefühl erst einmal geweckt, kommt eins zum anderen: Der Blick zur Seite, was andere tun und damit erreichen. Das Vergleichen vom eigenen mit dem anderen. Matching –> Bewertung –> Beurteilung –> Verurteilung –> mieses Gefühl, nicht genug (im Marketing) getan zu haben –> selbstauferlegten Druck, künftig mehr zu tun (von dem, was ohnehin nicht gerade Freude bereitet) –> Aussicht auf mehr unerfreuliche Tätigkeiten und Gefühle …

Ich denke, diese Darstellung macht den Ablauf gut nachvollziehbar. Eine miese Spirale nach unten, die nicht nötig wäre, denn ich muss nicht davon leben können. Dafür habe ich meinen Job. Autorin zu sein, bedeutet für mich Selbstverwirklichung (also die oberste Stufe der Maslow-Pyramide) und nicht Existenzsicherung (die unterste Stufe). Natürlich ist mir das alles bewusst. Als Trainerin habe ich die Maslow-Pyramide rauf und runter gebetet. Umso mehr erstaunt es mich selbst, wie oft es mich in diese Dynamik des „Vergleichens mit anderen“ hineinzieht – mit all ihren unangenehmen Auswirkungen auf mich. Wieder einmal bewahrheitet sich:

„Wissen allein ist wertlos. Was zählt, ist die Umsetzung und Anwendung im eigenen Leben.“

Wie kann diese Anwendung konkret ausschauen? Nun, ich werde mir neuerlich in Erinnerung rufen, dass ich schreibe, weil es mir gut tut, mich in Balance hält, Spaß macht und ich vielleicht dem einen oder der anderen eine Idee für ihr eigenes Leben vermitteln kann. Finanziell betrachte ich es als „Investition in ein Hobby mit Entwicklungspotenzial“. Mal ehrlich, würde ich jede Stunde, die ich schreibend verbringe, als Therapiestunde bezahlen, wäre ich bis an mein Lebensende bankrott 😉. Kleiner Scherz.

Natürlich freue ich mich darüber, wenn meine Bücher gekauft werden, aber ich will und werde mich nicht verrenken und im Marketing verausgaben. Ich bin Autorin geworden, um Geschichten zu erzählen. Folge ich meinem Verstand, sieht der Zahlen, schreit nach Verkaufsaktivität und erzeugt Druck. Folge ich meinem Herzen, sehe ich das gelassen und vertraue auf etwas, das ich nicht mit Worten beschreiben kann, doch häufig erlebt habe: Was sich sucht, wird sich finden! Die Menschen, für die meine Geschichten wertvoll sein können, werde mich und meine Bücher finden.

Und mit diesen Gedanken kehre ich zurück in die Gelassenheit, löse den Druck auf, vereine meine eigene Widersprüchlichkeit erneut in einem harmonischen Gesamtbild und das fühlt sich richtig gut an.

Meine Borderline-Persönlichkeit ist nach wie vor sehr dynamisch, verharrt selten lange in einem statischen Selbstbild, weshalb es für mich mittlerweile zur Routine geworden ist, mich neu auszurichten, wenn ich mich „verliere“. Dabei entdeckte ich regelmäßig neue Aspekte an mir selbst, die wiederum mein Leben bereichern. Anders gesagt: Ich lerne täglich mehr über mich, wann ich mir wo und wie selbst im Weg stehe und wie ich das mit Selbstliebe und einer großen Portion augenzwinkernder Selbstironie auflösen kann.

Vielleicht inspiriert dich meine heutige Geschichte, selbst einmal darüber nachzudenken, ob du in dir selbst (unnötig) Druck aufbaust. Wer weiß das schon – außer dir selbst?

Aufgeben oder Loslassen?

Da gibt es diese Person A. Ich verrate im Folgenden nicht, ob Person A eine Frau oder ein Mann ist. Person A ist real und steht seit ungefähr einem halben Jahr im Austausch mit mir. Ich weiß mittlerweile eine Menge über Person A und die gescheiterte Beziehung zu Person B. Bei Person B wurde vor einigen Jahren Borderline diagnostiziert.

Eine Beziehung zu einem Borderliner bzw. einer Borderlinerin stellt in den meisten Fällen eine ziemliche Herausforderung dar. Wie viele andere Beziehung auch. Ob sie gelingt oder scheitert, hängt von vielen Faktoren ab. Wie bei anderen Beziehungen auch.

Diese jedenfalls ging schief und wurde durch die Person B beendet. Nun geht es Person A mit dem Ende dieser Beziehung nicht besonders gut. Genau genommen sogar schlecht. Person A versucht nämlich immer noch, Person B zu helfen und aus dem Borderline-Strudel herauszuziehen – ohne jedoch von Person B darum gebeten worden zu sein. Person B hat sich entfernt und ist eine neue Beziehung zu Person C eingegangen. Als dies beobachtet Person A aus der Distanz und kann offensichtlich nicht loslassen. Oder aufgeben? Das ist die Gretchen-Frage: Aufgeben oder Loslassen?

Gehen wir davon aus, dass Person A aufrichtige Liebe für B empfindet, die von B erwidert wird oder auch nicht – wir wissen es nicht. Vielleicht weiß B das selbst nicht. Was wir wissen ist die Tatsache, dass B die Beziehung beendet hat und A etwas für B tun möchte. Aus Liebe? Vermutlich. Aber … wann ist der Zeitpunkt, dieses einseitige Unterfangen, das bislang keinen Erfolg zu verzeichnen hat, zu beenden? Wie lange soll man versuchen, jemand zu retten, wenn dies von der anderen Seite nicht gewünscht wird? Lässt man den anderen im Stich, wenn man irgendwann aufgibt? Oder rettet man sich selbst, indem man loslässt, bevor man selbst daran zerbricht?

Was ist richtig? Was falsch?

Ich wünschte, es gäbe eine verbindliche Antwort auf diese Fragen. Für alle Borderliner und Nicht-Borderliner. Für alle Menschen, die sich in ihrem Leben der Herausforderung „Beziehung“ stellen. Leider gibt es diese Antwort nicht. Jeder Mensch ist einzigartig, und damit auch jede Beziehung. Manch allgemeine Regeln und Annahmen mögen auf viele zutreffen, doch im Detail wird es immer Unterschiede geben.

Beziehung leitet sich vom Wortstamm „ziehen“ ab, das habe ich vor vielen Jahren zum ersten Mal gehört und im Laufe meines Lebens mehr als einmal erlebt. Einer „zieht“ bzw. zerrt mit seinen Handlungen an den Nerven des anderen. Einer „zieht“ den anderen mit sich, weil es dem anderen an Elan, Entschlusskraft, Energie … was auch immer fehlt. Einer „zieht“ dem anderen davon und die beiden entfremden sich. Oder sie „Ziehen“ an einem gemeinsamen Strang und fühlen sich auch nach vielen Jahren noch voneinander „angezogen“. Es gibt viele Arten des „Ziehens“.

Wie es mit A und B weitergehen wird, ist ungewiss. Ich wünsche beiden das Beste. Mögen sie jeder für sich oder gemeinsam das Glück finden, das sie offensichtlich suchen.

Leben ist ein endloser Lernprozess, Beziehungen immer auch ein Stück weit experimentell. Aufgeben oder Loslassen? Das muss jeder für sich selbst entscheiden, jeden Tag aufs Neue, ein Leben lang. That’s life.

Brav war gestern

Eine Aussage, die leicht missverstanden werden kann – und auch ein wenig provokativ ist. Was meine ich also damit? Mit „brav“ bezeichne ich den Anpassungsmodus an die Erwartungen meines Umfeldes oder der Gesellschaft allgemein. In diesem Sinne …

… nein, ich bin ganz und gar nicht „brav“.

Genau genommen bin ich das Gegenteil. Dank meiner Diagnose Borderline sollte ich – eigentlich – ein ganz anderes Leben führen und mich anders fühlen als ich es tue. Tue ich aber nicht. Es geht sogar noch schlimmer: ich spreche und schreibe öffentlich darüber, dass ich mich nicht an die „Spielregeln“ halte und den verbrieften Zuschreibungen widerspreche. Anders formuliert: Ich pfeif auf die Klischees.

Nein, ich versinke nicht im Selbstmitleid oder Drama, werfe weder mit Anklagen noch Schuldzuweisungen (immerhin fanden ein paar heftige Ereignisse in meiner Vergangenheit statt) um mich. Und Zuschreibungen, wie ich mich zu fühlen oder zu verhalten habe, weise ich konsequent zurück.

Mal ehrlich, was habe ich davon, wenn ich mich „brav“, also gemäß dem verhalte, was man von einer Borderlinerin erwarten würde? Verbessert sich irgendetwas dadurch? Aus jahrelanger Erfahrung kann sich sagen: NEIN. Sich an die Klischees zu halten, hat mich nicht weitergebracht. Erst der radikale Bruch damit und die Besinnung auf das, was in mir „steckte“, brachte mich auf meinen heutigen Kurs, der einem schwungvollen Tanz zwischen Lebensfreude und Selbstliebe vor der Kulisse eines romantischen Sonnenuntergangs gleicht.

Warum ich dieses Thema heute aufgreife, ist schnell erklärt. In den vergangenen beiden Wochen geisterte so einiges durch meinen Kopf, was ich hier erzählen wollte. Doch ein grippaler Infekt warf mich in die Untätigkeit und damit auch in eine „Meta-Position“, die Ereignisse jener Zeit nochmals aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dabei wurde mir rasch klar, dass es nicht um dies oder jenes ging, sondern ganz einfach um das, was es unter dem Strich für mich ist:

Eine Entscheidung, gegen den Strom der Erwartungshaltungen zu schwimmen und mich damit gleichzeitig in den Strom des Lebens zu fügen.

Seit Monaten beobachte ich intensiv, wie andere Borderliner ihr Leben gestalten. Dabei fällt mir auf, dass vor allem jene einen guten Kurs für sich finden, welche die Verantwortung für sich selbst übernehmen und aktiv nach Lösungen für die Herausforderungen suchen. Auch sie tanzen aus der Reihe, unterwerfen sich nicht dem Schicksal einer Diagnose, die stets nur eine Momentaufnahme sein kann, etwas Veränderliches im Lauf des Lebens.

Ich werde nicht müde zu erwähnen, dass Borderline nicht als Krankheit, sondern als Persönlichkeitsstörung eingestuft wird. Zur Persönlichkeit eines Menschen zählt neben Charakter und Eigenschaften auch das Verhalten. Der Charakter mag statisch sein und Eigenschaften widersprüchlich. Wer ist nicht gerne motiviert bei dem dabei, was Spaß macht, und drückt sich vor dem anderen, was keinen Spaß macht? Jeder von uns – Borderliner oder nicht – ist ein wandelnder Widerspruch. Vielleicht ist es ja doch mehr eine Verhaltungsstörung? Verhalten ist veränderbar. Nicht leicht, wie all jene wissen, die sich schon einmal eine unliebsame Angewohnheit abgewöhnen wollten, aber machbar.

Im Repertoire meiner Verhaltensmuster (oder Programme) sind einige, die alles andere als lebensbejahend und umgänglich sind. Löschen ist schwierig bis unmöglich. Dazu sind wir Menschen einfach zu komplex. Daher rührt wohl die Aussage, Borderline sei unheilbar. Aus diesem Blickwinkel betrachtet stimme ich zu. Was jedoch möglich ist, ist die Erweiterung des Repertoires. Neue Verhaltensmuster, Sub- und Unterprogramme, die davor schützen, in extreme Reaktionen auszubrechen.

Praktisch gesagt: auch ich wache manchmal in einer Depression auf, oder verfalle in Schwarz-Weiß-Denken. Explodiere aus dem Nichts heraus, wenn jemand einen Trigger aktiviert. Mitunter kehrt die Leere zurück, verliere ich den Bezug zu mir selbst.

Heute erkenne ich diese Symptome frühzeitig. Manchmal springen meine „Reboot-Programme“ automatisch an, manchmal starte ich sie bewusst. Die emotionale Achterbahn ist zwar kein Bummelzug geworden (wer will das schon?), aber die Abstürze sind deutlich schwächer und kürzer. Und ganz ehrlich: jeder Mensch hat Stimmungsschwankungen. Manchmal werden sie erst dann zu einem echten Problem, wenn man ein Problem darin sehen will – oder muss, weil es erwartet wird. Womit wir wieder bei den Zuschreibungen und Erwartungshaltungen wären.

Hätte mir jemand diese Aussagen, die ich heute hier tätige, vor einigen Jahren vor meine (Drachen-)Nase gehalten, ich hätte diese Person „gefressen“. Ich suchte nach Anerkennung für meinen Schmerz und mein (Selbstmit-)Leid. Jeder, der mir dies verweigerte, wurde von mir abgestempelt als jemand, der mich nicht verstehen wollte. Heute weiß ich, dass ich diejenige war, die nicht verstanden hat. Falls mich also jemand ob dieser Aussagen „fressen“ möchte, sage ich nur: Viel Spaß. Ich bin möglicherweise schwer verdaulich und unbequem, seit ich mich aus der Opferrolle verabschiedet habe und zur Gestalterin meines (Er-)Lebens wurde.

Ich bin alles andere als brav.

Manchmal falle ich hin (oder zurück in alte Muster), aber das macht nichts, weil ich ganz einfach wieder aufstehe, den Staub von den Klamotten klopfe, mein Krönchen zurechtrücke und weitermache. Wie ein kleines Kind, das gerade gehen lernt. Gewissermaßen lerne ich mit meinen neuen Verhaltensmustern erneut gehen. Und manchmal falle ich dabei hin. So ist das im Leben.

Nicht perfekt. Nicht den Erwartungshaltungen anderer folgend.

Nicht brav.

Brav war gestern.

Heute ist Selbstliebe und Lebensfreude.

Lesley und die Vielfalt

Heute darf ich hier die Jänner-Ausgabe des Magazins Mein Leben Live vorstellen. Ein Magazin zum Mitmachen. Leser/innen gestalten Beiträge für Leser/innen. Auch ich durfte etwas beitragen 🙂

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber es geht um … Borderline – und was es noch sein kann.
… und es ist ein weiterer Schritt, um den Klischees in der öffentlichen Wahrnehmung eine Facette hinzuzufügen.

Mehr zu den Inhalten der aktuellen Ausgabe von Mein Leben Live

Buchtrailer

Das Thema mit den Grenzen …

… ist gar nicht so leicht eingrenzen, bzw. abzugrenzen von anderen Herausforderungen, die sich mir als Borderlinerin im Alltag stellen. Da es allerdings in den vergangenen Tagen auf unterschiedliche Weise in meinem Leben präsent war, hier nun der Versuch, das Thema einzugrenzen ohne etwas auszugrenzen.

Meine Grenzen noch außen können nahezu undurchdringlich wie eine Stahlbeton-Wand sein. Oder ein Hauch von nichts wie eine Seifenblase. Je nach Stimmungslage, Belastungs-Level, Setting, involvierten Personen, Tageszeit, Mondstand … variiert die „strukturelle Integrität“ meines unsichtbaren Schutzschildes. Anders formuliert: eine (tendenziell unerfreuliche) Aussage kann mich einmal kalt lassen, ein anderes Mal aufwühlen, verletzen, kränken, meinen Selbstwert untergraben …

Manchmal bewundere ich jene Menschen, die scheinbar nichts aus der Ruhe bringt. Oder verletzt. Oder berührt? Diese Frage stelle ich mir nämlich auch, komme aber stets zu der Erkenntnis, dass ich lieber berührbar (mit der Konsequenz der Verletzlichkeit) bin, als unverwundbar (und damit auch unberührbar).

Berührung – physisch, psychisch und emotional – ist für mich sehr wichtig. Sie ist ein Indikator für Nähe. Und ein Risiko für Verletzung. Zu unterscheiden, wem ich wie viel Nähe (und damit verbunden das Vertrauen, nicht verletzt zu werden) zugestehe, ist für mich häufig ein bewusster Prozess, der mit vielen Überlegungen verbunden ist. Anders gesagt: ich definiere meine Grenzen nach außen zuerst denken, und anschließend fühlend.

Aber es geht nicht nur darum, was ich an mich heranlasse, sondern auch darum, was ich aus mir hinauslasse. Welche Emotionen zeige  ich wann, wo und wem gegenüber? Welche Informationen teile ich mit der Welt da draußen? Ich bin ein ziemlich redseliger Mensch und trage mein Herz auf der Zunge. Welche Risiken birgt das in Zeiten eines „gläsernen, digitalen Menschen“? Und einmal davon abgesehen: was mute ich damit anderen zu? Kann mein Gegenüber aushalten, was ich von mir preisgebe an Informationen, Emotionen usw.? Oder ziehe ich damit den anderen vielleicht in etwas hinein, was diesen überfordert?

Apropos Überforderung. Auch hier gibt es eine Grenze, an der ich (leider viel zu oft) tanze: meine persönliche Belastbarkeitsgrenze. Ich bin zwar kein AKW, das bei einem Stresstest in die Luft fliegt, aber ich bin Borderlinerin. Eine Missachtung der Belastbarkeitsgrenze kann viel Schaden bei mir und anderen anrichten.

Jahrelang habe ich keinen Gedanken an das Thema „Grenzen“ verschwendet. Ich lebte einfach so dahin, stolperte von einer Katastrophe in den nächsten Super-Gau. Meistens fühlte ich mich als „Opfer“ der äußeren Umstände oder involvierten Personen, denen ich die Verantwortung für meinen leidenden Zustand zuschob. Doch im Nachhinein betrachtet, wäre vieles zu verhindern oder abzuschwächen gewesen, wenn ich mehr auf meine Grenzen geachtet hätte; wenn mir bewusst gewesen wäre, das es überhaupt ein Thema ist und nicht alles sich von alleine richtig fügt. Aber die Grenzverletzungen meiner Kindheit hatten meine Wahrnehmung dessen ausgeschalten und das Tor für schmerzhafte Erfahrungen geöffnet. Wie auch immer – das ist vorüber.

Heute widme ich meinen Grenzen viel Aufmerksamkeit und Reflexion. Manche sind nach wie vor gleich einer Stahlbeton-Wand, andere passen sich an die Menschen in meinem Umfeld und die Situationen an. Ich bin mir meiner Hyper-Sensibilität und schier grenzenlosen Emotionalität bewusst, die es achtsam zu schützen gilt, die aber auch eine Intensität an Lebensfreude und Lebendigkeit ermöglichen, die schier grenzenlos sein kann.

Da wären wir wieder beim Thema mit den Grenzen …

Fluch oder Segen? Die Positiven Seiten von Borderline

Vor wenigen Tagen begegnete mir im Netz eine Aussage in der Art von: „Jemand meinte, ich soll mir die positiven Seiten von Borderline anschauen, aber beim besten Willen kann ich nichts Positives an Borderline finden.“

Ich denke, dass viele Menschen – Betroffene oder Angehörige – das auch so sehen. Ich nicht. Ganz und gar nicht.

Zum einen hat für mich alles – wirklich alles – im Leben zwei Seiten, manchmal sogar mehr. Nichts ist nur gut, nichts ist nur schlecht. Zugegeben, manchmal gehört Hardcore-Philosophie dazu, in manchen Ereignissen oder Menschen etwas Positives zu entdecken, doch das liegt hauptsächlich am subjektiven Ego, das es ein wenig zu dämpfen gilt. Sobald mein Blick stärker Richtung Objektivität fokussiert, wird es wesentlich einfacher.

Zum anderen leben wir in einem dualen Universum. Eine Menge kluger Köpfe hat dazu Statements wie folgende postuliert: „Kein Problem kann getrennt von seiner Lösung existieren.“ „Die Bewertung, ob etwas gut oder schlecht für uns ist, wird häufig durch den Lauf der Zeit umgekehrt.“ „Yin und Yang gemeinsam ergeben ein Ganzes.“ „Pol und Gegenpol bedingen einander.“ „Ohne das eine (z.B. Dunkelheit, Nacht, kalt, …) können wir das anderen (z.B. Licht, Tag, warm …) nicht wahrnehmen. Erst anhand der Unterscheidung können wir erkennen.“ Übrigens ergibt sich aus dem Erkennen BEIDER Seiten fast automatisch der Ausstieg aus dem Drama (siehe Beitrag vom 14.01.2020).

Ein Teil von mir stimmte all dem schon vor langer Zeit zu. Ein anderer – mein rechthaberisches, leicht zu kränkendes Ego – fand 1001 Argumente, warum das für mich nicht zutreffen konnte.

Nach vielen Mühen gelang es mir schließlich, mein Ego an die Leine zu legen. Danke an dieser Stelle auch all jenen Menschen, die mich in die Geheimnisse von NLP einweihten. Eine der wichtigsten Fragen, die sie mich lehrten, war jene: Was ist das Gute daran? Oh ja, es gibt in ALLEM etwas Gutes. Es zu entdecken, erfordert mitunter viel Arbeit und die Bereitschaft, „nicht-Recht-haben-zu-wollen.“

Was ist das Gute an Borderline? Diese Frage habe ich mir aufrichtig gestellt und ehrlich beantwortet. Deshalb gibt es hier und heute eine Liste meiner Big 5 der positiven Seiten meines Borderline-Syndroms.

  1. Emotionalität zum Quadrat: intensives, fast grenzenloses Fühlen – für mich die absolute Nummer 1. Liebe, Geborgenheit, Sex … 😊😊
  2. Theatralik und Dramatik in Reinkultur: lässt sich wunderbar beim Schreiben von hochemotionalen Geschichten ausleben und verleiht den Stories das gewisse Etwas, Kopfkino pur 😊
  3. Bewusste Abgrenzung statt unbewusster Abschottung: durchlässig sein für das, was von anderen kommt. Eine besondere Art von Empathie, die bis in die körperliche Wahrnehmung des anderen reicht.
  4. Hyper-Sensibilität: kleinste Veränderung in Stimmungen anderer, in deren Wortstellungen in Sätzen oder Gesprächen wahrnehmen können. Manche meinen, ich könnte Gedanken lesen, was natürlich Blödsinn ist. Sind die Antennen ausgerichtet und der 6. Sinn aktiviert, werden die Menschen transparent.
  5. Rollenverständnis und Positionswechsel: da ich die Welt lange nicht von meinen eigenen (weil nicht vorhanden) Standpunkt aus wahrnehmen konnte, lernte ich, sie aus der Sicht der anderen zu sehen. Eine Fähigkeit, die insbesondere bei Konflikten sehr hilfreich ist, weil sie hilft, nachzuvollziehen, was andere zu ihren Handlungen motiviert. Ich kann verstehen, ohne zustimmen zu müssen.

Für mich ist meine Borderline-Persönlichkeit ein Potenzial, aber kein Problem. Und schon gar keine Krankheit. Sie befähigt mich zu einem Leben mit intensiven Wahrnehmungen und Gefühlen, voller Fantasie und Träume.

Natürlich liegt eine gewisse Herausforderung darin, mit solch einer Persönlichkeit inmitten einer Gesellschaft zu leben, die dafür wenig Verständnis aufbringt und „psychische Erkrankungen“ pauschal vorverurteilt. Intoleranz und Ignoranz sind wie Dornen, und manchmal brauche ich ein sehr dickes Fell, um nicht mein Gleichgewicht zu verlieren.

Aber hey, wer behauptet, das Leben sei ein Spaziergang? Für mich ist es mehr wie eine Wanderung über Berge und durch Täler bei jedem Wind und Wetter rund ums Jahr. Manchmal regnet es, ein anderes Mal scheint die Sonne. Man weiß nie, was hinter dem nächsten Hügel wartet. Nur eines ist gewiss: es hat auf jeden Fall mindestens zwei Seiten.

Fluch oder Segen?

Eigentlich egal, ich mach einfach das Beste draus 😉

Mach kein Drama draus …

… diese Aufforderung begegnete mir sehr oft in meinem Leben. Wie ich in den letzten Monaten feststellen durfte, gehört Drama wohl untrennbar zur Borderline-Thematik. Genauer gesagt: die Drama-Dynamik oder das Drama-Dreieck bestehend aus Täter, Opfer und Retter. Es gibt viel Literatur darüber, beginnend bei Stephen Karpman und der Transaktionsanalyse https://de.wikipedia.org/wiki/Dramadreieck und allen, die danach folgten.

Vor Jahren habe ich als Trainerin zweitätige Workshops dazu abgehalten, und dabei nur an der Oberfläche dessen gekratzt, was sich in der Tiefe der Drama-Dynamik verbergen kann. Ich denke, ich werde mein Wissen und meine Erfahrungen diesbezüglich ausführlich in einem meiner bereits geplanten künftigen Bücher (vermutlich in RE/CONNECTED) verarbeiten. Da jedoch das Thema derzeit in meinem Leben dauerpräsent ist, möchte ich heute eine Facette der Drama-Dynamik schildern, die nur wenigen bewusst ist.

Täter, Opfer und Retter … man sollte meinen, es braucht drei Personen für dieses „Spiel“, wie es gerne von Experten genannt wird. Wobei, dieses „Spiel“ macht selten Spaß, vielmehr ist es eine destruktive Abwärtsspirale, die Leid und Schmerz mit sich bringt. Dieses „Spiel“ können auch zwei miteinander spielen, auch Personengruppen, oder eine Person mit sich selbst. In diesem Fall intrapersonelle Drama-Dynamik genannt, fungieren einzelne Persönlichkeitsanteile wie Personen. Schieben wir die abstrakte Theorie beiseite, ergibt sich folgender beispielhafter innerer Monolog:

„Mein Leben ist sch… So sehr ich mich auch bemühe, die Krankheit (Anm.: Borderline) macht es unmöglich, dass es mir gut geht. Ich füge anderen und mir selbst Schmerz zu, daran ist nichts zu ändern“ … so klagte mein inneres Opfer.

„Aber ich gebe nicht auf, ich kämpfe weiter, ich will und werde es schaffen. Andere haben es auch geschafft. Es muss doch auch für mich möglich sein. Ich muss nur an mich glauben, das wird schon“ … ermutigte mich mein innerer Retter.

„Auch wenn es absolut nicht fair ist. Warum ich? Womit habe ich das verdient? Andere haben mir das angetan (Anm.: frühkindliche Traumatisierung) und kommen ungeschoren damit davon, während ich bis heute darunter leide. Ich wünschte, ich könnte sie in die Verantwortung holen, sie spüren lassen, was sie angerichtet haben“ … forderte mein innerer Täter mit wütender Stimme und einer gewissen Aggressionsbereitschaft den Ausgleich ein … „ihnen das zurückgeben, was sie auf mich abgeladen haben.“

„Doch es ist unmöglich, nicht zu ändern. Es liegt an mir, all dies zu ertragen, all dies auszuhalten, nicht zu verzweifeln angesichts der Aussichtslosigkeit“ … und wieder zurück in der leidvollen Opferrolle.

Dies ist nur eine Schleife durch die Drama-Dynamik. Ein innerer Monolog, durchlaufen in wenigen Minuten, der sich wieder und wieder holen kann. Vielleicht kommen dir Sätze wie diese bekannt vor? Ja, das ist der Einstieg ins Drama, wie es innerhalb einer Person ablaufen kann. Von Runde zu Runde verstärkt sich die Dynamik, werden die Argumente schärfer und die Emotionen schmerzhafter. Das Absurde daran: meistens entsprechen diese Gedanken und Worte nicht der Realität, sondern nur der subjektiven Wahrnehmung, verfälscht durch innere, von der Vergangenheit geprägt Bilder … oder anders gesagt: Das Drama hat keinen realen Hintergrund! Umso erschreckender sind die fatalen Auswirkungen, die auf drama-gesteuerte Handlungen folgen können.

Der Ausstieg aus der Abwärtsspirale ist schwierig, aber nicht unmöglich. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist aus meiner Sicht das Erkennen, was gerade läuft: Drama! Und die Ehrlichkeit, sich das auch einzugestehen. Drama ist im Grunde ziemlich einfach zu erkennen: sobald man für sich nur mehr eine Handlungsoption sieht, beginnt das Spiel. Wäre diese eine Handlungsoption mit erfreulichen Ereignissen oder Gefühlen verbunden, wäre es kein Drama. Es geht darum, einer Handlung ausgeliefert zu sein, sich nicht dagegen wehren zu können, fremdbestimmt zu sein und sich fremdgesteuert zu fühlen bei etwas, dass sich gegen die eigenen Vorstellungen richtet, von unerwünscht bis unangenehm und schmerzhaft wahrgenommen wird. Es geht darum, in einem Verhaltensmuster gefangen zu sein, sehenden Auges auf einen Abgrund zuzusteuern und nichts dagegen tun zu können.

„Man möchte ja gerne anders, aber es geht nicht, weil man keine Wahl hat.“

Genau darin liegt der Irrtum. Man – oder besser: jeder von uns – hat immer die Wahl, etwas zu tun, oder nicht. Oder etwas anderes zu tun. Es gibt immer mehrere Möglichkeiten!

Der Ausstieg aus dem Drama oder die Umkehrung der Drama-Dynamik bedeutet, seine eigenen vielfältigen Handlungsoptionen erkennen und umsetzen zu können.

In diesem einen Satz steckt der Schlüssel zu einem Geheimnis, für das ich Jahre benötigte, um es nicht nur theoretisch zu lüften, sondern praktisch anwenden zu können. Die allgemeinen Grundlagen mögen dieselben sein, der individuelle Weg wird sich vermutlich auch bei der Drama-Dynamik unterscheiden. Was rein rational schnell nachvollziehbar und logisch erscheint, stellte für mich als Borderlinerin auf der emotionalen Ebene eine Herausforderung dar, die es zu meistern galt: das unbewusste Verlangen danach, Theatralik (und damit Drama) auszuleben!

Es war schon ein ganz besonderes Aha-Erlebnis, sehenden Auges zu beobachten, wie meine Drama-Energie sich in leidenschaftlich ausgefochtenen Diskussionen austobte, während mein Verstand längst über die Absurdität meiner Argumentation den Kopf schüttelte. Ja, Drama ist schon ein ganz spezielles Thema, das Stoff für dutzende Buchseiten (oder Bücher?) liefern kann.

Für heute nur so viel: die Drama-Dynamik ist definitiv umkehrbar, und dieser Prozess nimmt der Borderline-Thematik viel Wind aus den Segeln. Mein Leben und meine Emotionen wurden ausgeglichener, umso öfter ich das Ruder umlegte und kein Drama draus machte.